Dieser Artikel basiert auf einer Veröffentlichung von Sid Stamm und Christopher Soghoian. S. Quelle (unten).
Nur kurz ein Überblick über den grundlegenden Aufbau von SSL:
SSL chain of trust
In der SSL pki gibt es drei Arten von Zertifikaten:
root CA: Diese sind meist in Browsern hinterlegt. Das ist die s.g. Wurzelinstanz. Davon gibt es viele verschiedene.
intermediate CA: Die vorher genannte Wurzelinstanz vertraut diesen Zwischeninstanzen. Mit diesen Zwischeninstanzen können SSL-Zertifikate für alle Websites erstellt werden. Kann der Browser die Vertrauenskette (chain of trust) bis zur in seiner Datenbank hinterlegten Wurzelinstanz (root CA) zurückverfolgen, wird dem SSL-Zertifikat vertraut und die bekannten blauen, grünen Balken und Vorhängeschlösser werden angezeigt um dem Nutzer eine verschlüsselte Verbindung anzuzeigen.
untrusted CA: CAs denen werder eine intermediate CA noch eine root CA vertraut, nennt sich untrusted CA. Hat eine Webseite ein solches Zertifikat hinterlegt, kommt die bekannte Meldung, dass “dieser Verbindung nicht getraut” wird.
Für den Endnutzer gibt es keinerlei Unterschied zwischen root CA und intermediate CA. Beide veranlassen den Browser eine “sichere” Verbindung anzuzeigen.
Dadurch könnte TÜRKTRUST ein Zertifikat für banking.postbank.de, obwohl das echte Zertifikat eigentlich von Verisign kommt. Bei beiden Zertifikaten würde der Browser eine sichere Verbindung zu banking.postbank.de anzeigen.
Staatliche SSL MITM-Angriffe
Sid Stamm und Christopher Soghoian haben in einem Paper einen neuen “Angriff” auf SSL vorgestellt den sie “compelled certificate creation attack” nennen. Dieser kann vor allem von Geheimdiensten eingesetzt werden um mit SSL verschlüsselte Verbindungen zu überwachen.
Es gibt diverse interessante Punkte in dem Paper:
Chrome, Safari und der Internet Explorer setzen alle auf die im Windows Trusted Root Store hinterlegten Zertifikate. Besonders pikant an dieser Tatsache ist, dass folgende staatliche root CAs standardmäßig hinterlegt sind:
Österreich, Brasilien, Finnland, Frankreich, Hong Kong, Indien, Japan, Korea, Lettland, Macao, Mexico, Portugal, Serbien, Slowenien, Spanien, Schweiz, Taiwan, Niederlande, Tunesien, Türkei, USA, Uruguay
Firefox hat eine eigene Datenbank für root CAs.
Im Paper wird auch ein Beispiel angegeben, was durch die Integration von staatlichen root CAs möglich wäre:
As an example of what is currently possible,should it do so, the Korean Information SecurityAgency can create a valid SSL certificate for the Industrial and Commercial Bank of China (whose actual certificate is issued by VeriSign, USA), that can be used to perform an effective man-in-the-middle attack against users of Internet Explorer.
s. Quelle
Dieses Szenario halten die Forscher aber für eher unwahrscheinlich, da durch die Nutzung des eigenen staatlichen Zertifikats zu viele Spuren auf den abgehörten Rechnern bleiben würden.
Für viel wahrscheinlicher halten es die Forscher, dass Zertifizierungsstellen durch gesetzliche Regelungen und Geheimdienste dazu aufgefordert werden ihnen bei der Überwachung behilflich zu sein. Die Forscher nennen Beispiele aus den USA, bei denen diese Hilfestellung durch Telekommunikationsanbieter schoneinmal geschehen ist:
Examples of compelled assistance using these statutes include a secure email provider that was required to place a covert back door in its product in order to steal users’ encryption keys, and a consumer electronics company that was forced to remotely enable the microphones in a suspect’s auto-mobile dashboard GPS navigation unit in order to covertly record their conversations.
s. Quelle
Dass diese Szenarien durchaus real sein können, wollen die Forscher auch beweisen. Im Oktober 2009 war einer der Autoren auf einer Konferenz in Washington, D.C., die die gesetzmäßige TK-Überwachung zum Thema hatte.
Eine der Firmen, die auch auf dieser Konferenz waren (Packet Forensics), hat dort die s.g. LI-5 Serie vorgestellt. Ein kleines Gerät, welches das “Internet Cafe Problem” ideal lösen soll:
The 5-Series is an ideal solution to the “Internet Cafe Problem”. Quick deplyment and remote control minimize personnel risk and maximize collection capabilities.
(Zitat aus dem Werbeprospekt,s. Quelle)
Interessant an dem Gerät sind die Features:
- Es kann ein- und ausgebaut werden, ohne dass der Netzwerkverkehr merklich gestört wird. (Auch bei Ausfall der Hardware)
- “Supports stealth upstream reporting (practically undetectable)”
- Es kann, um TLS / SSL-Verbindungen zu entschlüsseln und zu protokollieren, ein valides Zertifikat hinterlegt werden. Da wurde quasi SSLStrip auf dem Gerät implementiert:
“Packet Forensics’ devices are designed to be inserted-into and removed-from busy networks without causing any noticeable interruption [...] This allows you to conditionally intercept web, e-mail, VoIP and other traffic at-will, even while it remains protected inside an encrypted tunnel on the wire. Using ‘man-in-the-middle’ to intercept TLS or SSL is essentially an attack against the underlying Diffie-Hellman cryptographic key agreement protocol [. . . ]To use our product in this scenario, [government] users have the ability to import a copy of any legitimate key they obtain (potentially by court order) or they can generate ‘look-alike’ keys designed to give the subject a false sense of confidence in its authenticity.”
(Zitat aus dem Werbeprospekt, s. Quelle)
Auf der Webseite von Packet Forensics ist die LI-5 Serie nur mit Username und Passwort zu erreichen:
http://www.packetforensics.com/products.safe
In dem Paper (Quelle) sind allerdings Scans von Werbeprospekten dabei, von denen auch die oben zitierten Texte stammen.
Weiter geht es in dem Paper auch um VeriSign und Etisalat und deren eventuelle Kooperation mit staatlichen Behören. Da bringen die Autoren allerdings keine echten Beweise sondern eher Vermutungen ins Spiel.
Wie die Situation in Deutschland ist, bleibt leider noch offen. Eine Bundes – CA ist scheinbar nicht in den Browsern integriert. Ob root CA-Anbieter in Deutschland dazu gezwungen werden können für bestimmte Domains Zertifikate (oder gar komplette intermediate CAs) auszustellen, wird hoffentlich bald untersucht und veröffentlicht.
Quelle
http://files.cloudprivacy.net/ssl-mitm.pdf